Thomas Bernhard

Thomas Bernhard

Eine Herausforderung - Monologe auf Mallorca
(1981)

Ich hab´ nie ein Vorbild gehabt und auch nie eins wollen.
Ich hab´ immer nur ich selber sein wollen und hab´ immer nur so geschrieben, wie ich selber gedacht hab´.

Film ab

nächster Abschnitt

[1]

  1. Mallorca

0:32 Mallorca interessiert mich an und für sich gar nicht. Denn das ist ein Land, eine Insel wie daheim auch. Das ist die Atmosphäre der Stadt, der Hafen, das Meer, was ich brauch´, zum Arbeiten.
0:45 Denn arbeiten kann ich nur dort, wo es mir klimatisch zuträglich ist und hier hab´ ich beides, nicht?
0:50 Die Möglichkeit meine Lunge zu versorgen, und mit meinem Hirn zu machen, was dem auch entspricht, was damit zu machen ist. Und meine Aufgabe, vor mir selber und vor niemandem anderen ist irgendwie, `was zuwege zu bringen aus dem Kopf und das heißt, Bücher zu schreiben, oder halt Sätze aneinanderzureihen, Gedanken - und die kommen hier halt besser als oben, nicht? Wenn es mir in Österreich den Hals zuschnürt, dann fahr´ ich halt hier herunter - und das ist ideal.

1:38 Und dann ist für die Arbeit immer am Allerwichtigsten, für mich jedenfalls, jeder ist ja anders, in einem Land zu sein, wo man die Sprache nicht versteht, weil man ununterbrochen das Gefühl hat, die Leut´ sagen nur angenehme Dinge und reden eigentlich nur wichtige philosophische Sachen.
1:58 Und wenn man bei uns die Sprache versteht, da hat man das Gefühl, dann glaubt man, sie reden nur lauter Schmarrn. Und so wird der Schmarrn in Spanien für mich philosophisch.

2:08 Im Grund schreib´ ich ja nur aus dem Grund, weil vieles unangenehm ist. Denn wenn alles angenehm wär´, dann könnt´ ich ja wahrscheinlich überhaupt nichts schreiben. Da würde niemand schreiben. Aus einem angenehmen Zustand heraus kann man ja nicht schreiben. Außerdem wäre man blöd, wenn man schreiben würde, wenn es angenehm wäre, weil man sich ja dem Angenehmen hingeben soll, nicht? Das muß man ja ausnützen. Und, wenn sie in angenehmer Stimmung sind, und sich an den Schreibtisch setzen, dann zerstören sie sich ja die angenehme Stimmung. Und warum soll ich mir die zerstören? Ich könnt´ mir auch vorstellen, daß ich ein ganzes Leben nur in angenehmer Stimmung leb´ und überhaupt nichts schreib´. Aber da es, wie gesagt, eine angenehme Stimmung nur stundenweise oder nur kurze Zeit gibt, kommt man immer wieder zum Schreiben.


Film ab

vorheriger Abschnitt
nächster Abschnitt

[2]
[3]
  1. Philosophie

0:00 Um die Wut gegen die Mitmenschen braucht man sich auch nicht sorgen, weil sie einem ja die meiste Zeit lästig sind. Wenn man in einem Kaffeehaus ist und es ist sehr angenehm, muß man am Ende zahlen, und im Grunde hat man dadurch schon eine gewisse Wut, nicht?- weil - Warum eigentlich? Und wenn man über die Straße geht, kommt ein Auto, und man hat die Wut. Warum kommt ausgerechnet, wenn ich über die Straße gehe das Auto – Auch um die Wut brauchen sie sich überhaupt nicht zu sorgen. Die kommt! Momentan habe ich überhaupt keine Wut. Es ist schon unheimlich, weil keine Wut ist – in Sicht ist.

0:39 –Was haben Sie momentan?

0:40 Es plätschert nur so...
Äußerstes Wohlbefinden; muß ich sagen. Wasser plätschert, die Sonne scheint. Lauter Spanier und Engländer, die man nicht versteht. Eine ideale Konstellation, aber sie wird nicht lange andauern. Auf einmal fährt wieder irgendein Blitz in das Ganze hinein und zerstört alles.

1:13 Ich habe eine völlig normale Einstellung zum Leben, wie alle anderen normalen Menschen auch wahrscheinlich, ne? Sie ist nicht nur negativ, aber sie ist eben auch nicht nur positiv, ne? Denn man begegnet ja ununterbrochen allem. Das macht ja das Leben aus. Nur negativ das gibt es ja gar nicht – das ist ja Blödsinn. Aber es gibt sicher Leute, die wollen das halt so sehen.
1:36 Es ist ja sehr bequem, daß man sagt, der ist ein Narr, nicht?- und zeitlebens ist er ein Narr, nicht?– der wird immer nur als Narr bezeichnet, bis er stirbt. Und der andere ist ein lyrischer, exaltierter Schriftsteller von seinen zwanziger Jahren an, und das bleibt er dann auch, bis er stirbt. Und davon gehen die Kritiker und die Leute, mit denen man zu tun hat, überhaupt nicht mehr ab. Und einer schreibt irgendeine Kasperlade, ob blöd oder nicht ist ja wieder eine andere Frage – oder garkeine Frage, und der bleibt lebenslänglich ein Kasperl.
2:09 Und ich bin wahrscheinlich lebenslänglich der negative Schriftsteller, aber ich muß sagen, ich fühl´ mich in der Rolle ganz wohl, weil sie mich gar nicht irritiert. Weil die Leute sagen, ich bin ein negativer Schriftsteller und ich bin gleichzeitig ein positiver Mensch. Also kann mir ja nichts passieren, oder? Ist das ein gefährlicher Zustand? Ich weiß nicht. Ich find´ alles sehr angenehm. Vor allem, wenn ich weit weg bin von daheim.

3:56 Das Scherzmaterial ist ja immer das, wo es nötig ist, ne?- wo ein Mangel ist, ne? Irgend eine geistige oder körperliche Verkrüppelung, ne? Man lacht ja über einen Spaßmacher, der völlig normal ist, lacht ja kein Mensch, ne? Sondern, der muß hinken, oder einäugig sein, oder jeden dritten Schritt hinfallen oder sein Arsch explodiert und schießt eine Kerze heraus oder was, ne? Darüber lachen die Leute, immer über Mängel und über fürchterliche Gebrechen. Über was anderes hat ja noch nie jemand gelacht, ne? Oder irgend eine alte Großmutter auf der Bühne sich jeden dritten Satz wiederholt und alle Augenblicke sagt : "Mein Eineizwilling" oder irgend so etwas, dann lachen die Leute. Aber über völlig Normales – sogenanntes Normales – hat ja noch nie jemand auf der Welt gelacht. Und selbst lachen tut man auch nur, wenn man sich einzwickt oder was? Da lacht man hellauf. Wenn meine Großmutter sich an der Herdplatte verbrannt hat, hab´ ich wahnsinnig gelacht, ne? Und wenn das wochenlang nicht war, war wochenlang Nichtlachen im Haus, war irgendwie völlig fad. Und wenn mir das zu fad war, bin ich ins Besenkammerl hinein – da war so ein Vorhang, wo die Besen gestanden sind – und wenn ich gewußt habe, jetzt kommt die Großmutter, hab´ ich die Hand heraus fallen lassen – ist sie mit einem schrecklichen Schrei, ne?- fast vom Schlag getroffen umgefallen, weil ich sie erschreckt hab´. Als Kind. Weil mir langweilig war. Aber es sind immer Gebrechen und Entsetzen.

4:25 -Wollen sie die Leute zum Lachen bringen?

4:28 Nein, aber das kommt ja von selbst. Da brauch´ ich mich nicht sehr bemühen. Ich lach´ ja manchmal selber sehr auf, ne? Denk´ ich mir- das ist ja eigentlich zum Lachen. Aber manchmal empfinden die Leute, wo ich laut auflache, ne?- schon während dem Schreiben, oder auch, wenn ich das nachher Korrektur lese, dann lach´ ich ja laut auf – die finden das überhaupt nicht zum Lachen und das versteh´ ich eigentlich nicht, ne? Zum Beispiel wenn man 'Frost' liest – ich hab´ ja immer schon Material zum Lachen geliefert. Das ist eigentlich alle Augenblicke hell auf zum Lachen. Aber ich weiß nicht, haben die Leute keinen Humor oder was, ich weiß nicht? Mich hat`s immer zum Lachen gebracht. ´Bringt mich auch heute noch. Wenn mir fad ist, oder es ist irgendwie eine tragische Periode, dann schlag ich ein eigenes Buch von mir auf – das bringt mich am ehesten zum Lachen. Oder verstehen Sie das nicht, daß das so ist?
5:29 Ich mein´, das sagt nicht, daß ich nicht auch ernste Sätze geschrieben hab, zwischendurch, damit die Lachsätze zusammengehalten werden. Das ist der Kitt, das Ernste ist der Kitt für das Lachprogramm. Nun kann man natürlich auch sagen, das ist ein philosophisches Lachprogramm, das ich irgendwie aufgemacht habe,Blaise Pascal vor 20 Jahren, wie ich zum Schreiben angefangen habe.
5:54 Natürlich eine trockene, nur ernste Philosophie ist nicht zum Lachen, ist ja auch wahnsinnig fad. Aber beim Schopenhauer kann ich auch lachen. Je verbissener er ist, desto mehr ist er zum Lachen. Nur nehmen die Leute das alles tragisch ernst. Nur, wie kann man jemand ernst nehmen, der mit einem Pudel verheiratet ist. Den kann man ja von vornherein nicht ernst nehmen. Das ist ein Lach- Philosoph. Das sind die großen Spaßmacher in der Geschichte. Schopenhauer, Kant, also die Allerernstesten im Grund. Da gehört der Pascal auch dazu auf seine katholisch, mysteriös religiöse Art.

6:29 Immanuel Kant Das sind eigentlich die großen Lachphilosophen. Und die Schwächeren, die zweite Kategorie, die sind im Grunde fad, weil sie nur das wiederkäuen, was diese Spaßphilosophen vorgeschrieben haben. Und die lese ich ja eh nicht, weil, wenn ich welche lese, dann lese ich ja nur die Großen. Nur hat es eine Zeit gebraucht, bis man langsam herausfindet, was groß und weniger groß ist. Da braucht man ja Jahrzehnte. Das sagt einem ja niemand.

6:56 Schopenhauer Weil in der Schule werden ja alle gleich kategorisiert, nicht? Das ist eine Einebnung der Philosophen, nicht? Die treten da an wie so eine Riesenkompanie oder Armee. Es gibt ja tausende und hunderttausende Philosophen. Und da muß man sich selber die Größten langsam herauspicken. Aber da hilft einem niemand dabei. Aber, wenn man wie ich schon ziemlich früh so ´ne Art philosophischer Aasgeier ist, dann weiß man, welche man herauspickt. Und der Kant gehört dazu, Schopenhauer, wahnsinnig zum Lachen.
Finden Sie nicht?


Film ab

vorheriger Abschnitt
nächster Abschnitt

  1. Unschuld

0:00 Ich schreib´ ja nur immer über innere Landschaften und die sehen die meisten Leute nicht, weil sie innen fast nichts sehen, weil sie immer glauben, weil es drinnen ist, ist es finster und dann sehen sie nichts. Ich glaube, ich hab´ in noch in keinem Buch eine Landschaft beschrieben. Das gibt es nämlich gar nicht. Ich schreibe immer nur Begriffe. Und da heißt es immer Meer oder Berge oder eine Stadt oder Straßen. Aber wie die ausschauen habe ich, glaube ich, überhaupt nie beschrieben. Ich hab´ nie eine Landschaftsbeschreibung gemacht. Das hat mich auch nie interessiert.

0:33 Ich beobachte ununterbrochen, wenn ich nicht schlafe, sogar wenn ich schlaf´, beobachte ich. Weil der Mensch ja auch im Schlaf noch intensiver beobachtet, als wenn er wach ist, nämlich im Traum, oder in dem, was man als Traum bezeichnet. Und einen Menschen, der einen einzigen Augenblick nicht beobachtet, den gibt´s überhaupt nicht.

1:12 Ich glaub´, da war ich schon in der Schule, bis ich drauf gekommen bin, eigentlich haben ja alle Menschen einen Vater, nicht? Das habe ich eigentlich bis dorthin gar nicht gewußt. Erstens habe ich gar nicht gewußt, daß ich einen Vater hab, weil nie einer erschienen ist. Es ist weder geredet worden davon, noch war einer da, net? Und es durfte auch nie davon geredet werden. Und dann hab´ ich mir gedacht, ich hab´ auch keine Organe wie die anderen, die mit mir waren, die Buam – über die Dirndl´n hab ich mir nie Gedanken gemacht, das war sowieso was anderes.
1:54 Und ich kann mich noch genau erinnern, wie mein damaliger bester Freund, der war also, glaube ich, sechs- sieben Jahre alt; mit dem ich immer gespielt hab´ – so´n Nachbarskind, der Fakler Gusti hat er geheißen, Fakler ist ein bayerischer Name, das war in Traunstein. Der ist... binnen ein paar Tagen war der tot: also an Blinddarmentzündung. Und da hab´ ich mir gedacht, mein Gott, der arme Fakler Gusti, der muß sterben, weil er eine Blinddarmentzündung gehabt hat, die kann ich nie haben, weil ich gar keinen Blinddarm hab´, wahrscheinlich. Ich hab´ ja alles das, woran man sterben kann, habe ich ja überhaupt nicht. Also, wieso, an was, sollte ich sterben? Ich hab´ mich also fein heraus´n gefühlt. Ich glaube, ich war schon Jahrzehnte alt, bis ich d´rauf gekommen bin, ich hab´ auch Organe, an denen man sterben kann. Also der Gedanke war der, keinen Vater und keine Organe, und überhaupt nichts an mir, was sterblich ist. Ich glaub´, das war eine Hauptvoraussetzung jahrelang, also viele Jahre. Bis zwanzig ungefähr. Nein, bis zwanzig nicht, weil ich war ja dann todkrank. Schon mit, mit wann denn? – also fünfzehn, sechzehn, nicht? Na ja, da bin ich d´rauf gekommen, nein, nein, mein lieber Mann, auch du, nicht?- kannst den Weg allen Fleisches gehen. Und der Tod streckt auch nach dir seine Hand aus und greift nach Lust zu, ne? Das hab´ ich aber dann erst gemerkt. Aber ich glaub´ so 14-15 Jahre – hatte ich überhaupt keine Ahnung. hab´ ich weder gewußt, was Schnaufen, was Lunge ist. Ich hab´ mich physisch überhaupt nicht gespürt. Wie alle gesunden Kinder, glaube ich. Die merken ja gar nicht, daß es so `was gibt.

3:30 -Und die Sexualität?

3:31 Und die Sexualität – mit der entsteht dann erst dieses Körperliche, allerdings, das ist ja dann die Lust und vorher ist ja nur ein Schwebezustand. Sexualität war bei mir insofern sehr eingeschränkt, weil in dem Moment, wo sich das gerührt hat, nicht?- und ich irgendwie gemerkt hab´, aha, da sind ja ganz geheimnisvolle Kräfte, die dich selbst auf einmal in Bewegung bringen, auf bestimmte Objekte hin, nicht?- da bin ich eigentlich sterbenskrank geworden. Dadurch war das jahrelang eher sehr, also sehr eingedämmt und eingeschränkt, ne? Was ja eigentlich schade ist, weil gerade in der Zeit, in der die Sexualität wahrscheinlich den größten Reiz hat, nämlich, wenn sie quasi erwacht, nicht?- und wenn das Schwanzerl sich rührt, nicht?- auf deutsch gesagt – also war ich dann im Spital. Da ist ja alles abgeschlafft – mehr oder weniger - und man liegt drinnen und ist einfach niedergehalten. Und wie ich dann herausgekommen bin, war ich eher müd´ und ein bißl schwach. Aber, nicht?- so zwischen 22 und 30 war das dann scho´, glaube ich, ganz richtig und normal da. Auch mit großem Genuß, mit allem Auf und Nieder – wörtlich und bildlich gesprochen. Sie dürfen sich da nicht genieren. Am Meer geniert man sich ja über gar nichts. Oder haben sie ein Schamgefühl jetzt? Ja eh nicht, sehen sie, das ist ja eh ein Blödsinn.

5:13 Na ja, ich meine, sicher hat man hier und da Schamgefühle, allerdings nachher denkt man sich, warum hast du eigentlich eins gehabt, nicht? Das hebt sich dann immer wieder auf. Aber man hat sicher manchmal eins, ne? Weil, man tut ja Menschen unrecht und so. Eher diese Scham – eine sexuelle Scham oder so was wäre ja Blödsinn. Weil, sich für die Natur schämen, die ja das Normalste ist, was es gibt, wäre ja ein Unsinn. Obwohl sie überall unterdrückt wird. Wo sie hinschauen sind lauter Leute, die g´schamig sind, oder sich schämen, wie das so schön heißt. Und im Grund alle als halbe Portionen herumrennen, weil sie sich ja nicht ausleben. Sie sehen es ja hier auch. Die Leute sitzen alle ein bißchen, anstatt, daß sie umeinandergehen und sagen - Was wollen sie eigentlich dauernd? und - Sie stören eigentlich unsere Nachmittagsruhe. Sie sind eine Ansammlung von "Trauminet".


Film ab

vorheriger Abschnitt
nächster Abschnitt

[4]
  1. Perspektiven

0:00 Alles kommt auf die Perspektive an. Jeder hat einen andere – Gott sei dank. Und selbst hat man immer die Richtige. Auch wenn die anderen immer das Gegenteil behaupten. Für einen selbst ist die eigene Perspektive immer die Richtige. Nur machen einen die Anderen immer zweifeln. Und dann gibt man die eigene Perspektive auf und dann ist man erledigt. Zumindest in dem Fall, in der man sie aufgegeben hat. Also wozu gibt man sie dann auf?

0:29 Letzten Endes ist ja alles ein Betrug. Überspitzt gesagt ein Gigantischer. Nur alle Menschen, so lange sie leben, fühlen sich in dem Betrug ja sauwohl, nicht? Das sieht man ja an sich selbst, nicht? Man eckt ja jeden Tag an irgendeinem Betrug an. Ob es ein Gastwirt ist, oder in einem Kaffeehaus oder am Meer oder im Gebirge. Im Grunde ist alles ein Betrug und ein Selbstbetrug – Aber eigentlich großartig. Ohne den Betrug würde ja alles zusammenfallen und wäre nichts mehr. Die Welt ist ja als ganzes ein Betrug, nicht?- und das Himmelreich ist auch einer, und die Hölle ist auch einer. Also es gibt den Betrug oben, unten und den Betrug da, wo man lebt, nämlich auf der Erde. Und wenn man stirbt, ist das auch ein Betrug. Ich war übrigens noch nie auf einem Friedhof, da. Wollen Sie mit mir auf einen Friedhof gehen, in Palma?

1:53 Ich hab´ immer an den Himmel geglaubt. Schon als Kind. Je älter ich werde, desto mehr glaube ich dran. Weil der Himmel was sehr schönes ist. Dort haben alle Leute immer frisch geputzte weiße Kleider an. Es gibt keinen Schmutz, nicht?- es gibt keine chemische Industrie, keine Hygiene, weil alles von vornherein sauber und rein ist. Und alles ist leicht und schwebt. Ich freue mich schon d´rauf. Man ist völlig schwerelos, man schwebt über alles hin. Keine Philosophie kann einen mehr betrügen, oder übers Ohr hauen. Der Himmel ist das Ideale. Also ich bin einer der wenigen, die wirklich an den Himmel glauben. An die Hölle glaub´ ich nicht. Die ist mir zu schmutzig, zu heiß, zu schwarz, zu grauslich – und der Himmel ist das alles nicht!

2:41 Der war ja sehr schön der Friedhof. Das kann man natürlich nur beurteilen, wenn man selbst nicht dort liegt. Es raschelt dort mehr Papier als in der Bücherwelt. Aber so eine Buchsaison ist ja auch nichts anderes als eine Neueröffnung von einem Friedhof. Wenn hunderttausend Neuerscheinungen sind, die in Frankfurt vorgestellt werden, sind es wie Hunderttausend neu eröffnete Gräber, mit Papierkränzen, da raschelt alles. Kann man nichts machen.
3:25 Die Damen reden von einer Fischsuppe. Mich hat aber immer gegraust vor einer Fischsuppe. Und die Früchte des Meeres, das ist alles ein Graus. Das kann man ja alles heute nicht mehr essen. Das ist ja alles vergiftet.

4:31 Lattichsalat, Mixed Grilled – Das klingt alles nicht so, daß man es umarmen möchte.

4:45 -Haben Sie denn etwas zu umarmen?

4:48 Ich hab´ mit meinen Armen nichts zu umarmen, eigentlich.

4:53 Liebe ist alles. Liebe kann alles sein. Weil alles, was es auf der Welt gibt, von irgendwem geliebt werden kann. Also umschließt Liebe alles. Beim Wort Wahrheit ist das schon anders, da stimmt das schon nicht so. Liebe kann man nicht beschreiben. Liebe kann man nur aufschreiben. Das Wort Liebe kann man nur schreiben, aber beschreiben kann man Liebe nicht. Das ist eigentlich eine sehr einfache Erklärung. Sie können Liebe ja nicht beschreiben. Nicht einmal in billigen Liebesfilmen, da wird Liebe auch nicht beschrieben, nur verkitscht. Wenn sie Liebe beschreiben, ist das eine Verkitschung. Weil Liebe ist alles, praktisch, nicht? Wenn ich Sie anschaue, ist es Liebe, nicht? Wenn ich von Ihnen wegschaue ist es wieder Liebe. Wenn ich den Baum anschaue, ist es Liebe, ne?


Film ab

vorheriger Abschnitt
nächster Abschnitt

  1. Religion

0:05 Ich bin sehr religiös, aber ohne jeden Glauben. Religion ist ja nicht unbedingt mit Glauben verbunden. Das ist ja nur bei den echten Religionen, die registriert sind. Im registrierten Religionsverein, da die arbeiten mit dem Glauben. Aber das hab´ ich ja gar nicht notwendig. Brauch´ mich ja nicht als Nummer eintragen lassen. Das ist der konzessionierte Herrgott, nicht? Muß ja gar nicht sein. Als junger Bub und Katholik geht ja jeder zur Kommunion, und zuerst zur Beichte. Und jedesmal wenn ich zum Beichtstuhl gekommen bin, hab´ ich in die Hosen gemacht. Vor Schreck, vorm lieben Gott, weil ich mir gedacht hab´, der sieht jetzt alles und merkt, was da los ist. Und gefürchtet habe ich mich vor dem Geistlichen. Und jedesmal, wenn ich mich hingekniet habe, war schon alles naß. Und da hab´ ich mich wahnsinnig geniert, weil natürlich unter mir schon eine riesen Lachen war. Und da hab´ ich gedacht, um Gottes Willen, der jetzt hinter mir ist, der sieht jetzt, was dieser Furchtbare angestellt hat. Das hat ja alles Nachwirkung. Insofern hat die Kirche ja an mir sehr viel gut zu machen, aber das kann sie leider nicht, weil sie zu blöd ist dazu. Sie hat ein Menschenleben auf dem Gewissen. Die Kirche, indem sie mich zum Lulu- Machen provoziert hat vor´m Beichtstuhl logischerweise. Das sind ja furchtbare Wirkungen. Die Drohung- Hölle und alles das auf ein junges Kind. Ich bin ja dankbar, je früher man mit Scheußlichkeiten konfrontiert ist, desto besser ist das ja für einen, nicht? Weil man sich quasi wappnet. Man wird ja immer stärker. Wo d´rauf gehauen wird, das ist nachher stärker. Narben reißen nicht mehr. Das ist ja sehr günstig.

2:03 Kindheit ist ja nicht nur Bedrohung immer, sondern auch Drohung. Kinder drohen ja viel mehr den Eltern, als die Eltern den Kindern, weil Kinder sind ja viel schlauer als die Eltern. Denn Eltern, auch junge Eltern, sind ja eigentlich auch schon verkalkt, weil ab zwanzig fängt ja der Prozeß der Verkalkung schon an. Die Kinder sind ganz frisch, da sind die Venen, alles ist noch rasant und wunderbar fließt das überall durch. Dadurch sehen Kinder ja viel klarer. Die Erwachsenen leben ja nur in der Einbildung und die Kinder leben wirklich, das ist der Unterschied. Ab zwanzig lebt man überhaupt nur in der Einbildung. Man lebt eigentlich nur aus den Büchern, aus dem was man gelernt hat, was einem gesagt worden ist. Im Grunde leben die Leute über zwanzig nur aus der Literatur, eigentlich überhaupt nicht mehr aus der Wirklichkeit.

3:15 Wo Macht ist, gedeiht auch Korruption, logischerweise. Darum werden die Leute, die Macht haben, möglichst rasch wieder ihrer Macht beraubt. In dem Moment, wo sie sich festsetzen, das ist so wie ein Efeu um ein Baum. Eine Schlingpflanze. Und wenn man sich den Staat als Baum vorstellt, da ist die Regierung ja nicht eine, die das Wachstum fördert, sondern das abwürgt. Das ist ja überall so. Sogar in einem Land wie bei uns werden die Einzelgänger entweder völlig isoliert und dadurch pulverisiert und unschädlich gemacht, zur Norm erklärt, und dann hat man sie los. Ob schwarz oder rot, Politiker sind immer dasselbe Gesindel. Unmusisch, geschäftstüchtig – eigentlich immer scheußlich. Arbeiten nur mit der Heuchelei, genau wie die Kirche. Und jeder kleine Politiker schaut sich das schon beim sonntäglichen Kirchgang als Kind ab, wie man das macht, daß man an die Macht kommt. Denn jeder kleine Pfarrer führt das in der Gemeinde vor, indem er möglichst viel heuchelt und scheinheiligt – eigentlich, so richtig Lüge und Scheinheiligkeit: da war für mich die erste Konfrontation in der Kirche. Das Theatermachen. Vielleicht ist das ja kein Negativum. Die Leute brauchen das ja, so ist das ja schon wieder nützlich. Es gibt ja Millionen, die ohne Kirche völlig hilflos dastehen. Das ist so, wie man jungen Leuten Illustrierte aus der Hand reißt, wenn man den Alten das Gebetsbüchl wegnimmt. Das, was für die Jungen die nackerten Weiber oder Männer sind, das ist für die Alten halt der gekreuzigte Christus. Auch eine Art Illustrierte. Die hat sich am längsten gehalten bis jetzt, und mit der größten Auflage. Meine erste Konfrontation mit Scheinheiligkeit war die mit der Kirche, als Kind. Und alle paar Jahre gehe ich in die Kirche. Aber weder aus Glaubens- noch aus religiösen Gründen, sondern weil mich überhaupt bei allen Sachen interessiert, was drinnen vorgeht. Also geh´ ich auch in die Kirche, um zu schauen, was in der Kirche passiert.


Film ab

vorheriger Abschnitt
nächster Abschnitt

[5]
  1. Papst Thomas I

0:01 Ich wär´ gern Papst. Ich würd das spontan mit 'Ja' beantworten. Aber ich fürchte, daß ich nicht mehr Papst sein werde in meinem Leben. Dichtertitel sind mir auch verwehrt. Weder Dichterfürst, noch Dichtergraf, noch Dichterbaron, noch freiheitlicher, herrlicher Dichter, das ist alles nicht drin. Nein- echter Papst, der richtige Papst wäre ich gern. Hat es eigentlich einen Papst Thomas gegeben? Nein? Dann bleibe ich nämlich gleich bei meinem Vornamen – Papst Thomas I.

0:55 Castel Gandolfo Und das Palais vom Papst, daß hat mich immer sehr beeindruckt, ist ja ein sehr einfaches, bis zum zweiten Stock hinauf feuchtes Gebäude, also sehr unklug gebaut. Und an der Rückseite vom Papstpalais wohnt ein Zimmermann. Wirklich! Der wohnt nicht dort, sondern direkt angebaut an das Haus vom Castel Gandolfo. Da hab´ ich früher immer gedacht, das ist sicher isoliert und extra – da ist die Kirche natürlich sehr raffiniert – da hat der Zimmermann sein Haus. Und da hängen, wie ich da vorbeigegangen bin, so vor 15 Jahren oder `was, da könnte der Johannes noch gewesen sein, hingen unten die päpstlichen Unterhosen auf Wäscheleinen. Dahinter war ein kleiner Zaun, wo der Zimmermann dann die Hosen vom Zimmermann hingehängt hatte. Auch Unterhosen, denn das ist ja ein sehr rauhes Klima dort, also die tragen auch im Herbst schon lange Unterhosen. Und das hat mir unglaublich imponiert, daß die Unterhosen vom Papst und vom kleinen Zimmermann vom Castel Gandolfo, der Sargtischler wahrscheinlich war da, daß die nebeneinander im Wind flattern. Da hab´ ich mir gedacht, daß die Kirche, wenn man näher hinschaut, ja immer von einer Raffinesse gewesen ist, die sowieso unübertrefflich ist. Die hat das wieder hier vollzogen. Auf der einen Seite das Aristokratische, Zurückhaltende, Großartige, Pomphafte, und nachher wieder alles einheimsend, indem man sich in einer Weise verbrüdert, ganz bewußt, in der Architektur auch, wie in diesem Fall.

2:37 Der Papst und der Zimmermann. Gibt es ja eine Oper – "Zar und Zimmermann". Da könnte man ja einen zweiten Teil schreiben. Der Papst und der Zimmermann, und im ersten Akt, wenn der Vorhang aufgeht, flattern die Unterhosen vom Papst und vom Zimmermann in der Sonne.

2:56 Bruno Kreisky Alles, was auf der Welt ist, ist ja ein Schauspiel, nicht? Der Papst ist ja auch ein großer Schauspieler. Unabhängig davon, daß er ein sehr niedriges Schauspiel gelernt hat, ist er natürlich jetzt einer der größten Darsteller. Das ist halt so ein Weltstück. Der Papst, und der Ronald Reagan und der Breshnew, das ist so wie der Bronner, der Farkas und der Wehle, auf etwas kleinerer Stufe, aber im Grunde ist es ja auch eine Art Kabarett, das manchmal ins große Theater ausartet. Aber da auch unerträglicherweise muß es manchmal zusammenschrumpfen auf ein Kabarett. Und da spielen ja immer alle Mächtigen sehr gut zusammen. Heute ist der Carter, der Reagan und der Woytila, und da war es einmal der Duce, und der Hitler und der Franco. Jede Zeit hat ihre anderen Hauptdarsteller. Und dann kommt mal so eine Evita Peron, oder so was. So eine Liz Taylor auf der Weltbühne. Das ist ja auch nichts anderes. Man sagt ja nicht umsonst Weltbühne, das hat ja alles irgend einen Sinn. Das ist alles ein großes Theater. Dann der böse Khomeni, der tritt dann von rechts, nicht?- tritt der auf. Und der kleine Kreisky  von hinten, der sagt: "die Pferde sind gesattelt". Das ist doch alles ganz lustig.

4:40 -Ihre Rolle?

4:41 Na im Welttheater schein´ ich ja nicht auf. Also irgendwo am Schnürboden oben halt. Da zieht man irgendwie mit. Man zieht ja noch nicht einmal allein an einem Prospekt, sondern da ziehen halt einige Millionen oder Milliarden ziehen, nicht? Und da bewegt sich irgendwie der Hintergrund. Aber diese paar Figuren vorn, die geben halt ihr Salonstück. Und die Würde stellt halt der Papst dar, nicht?- mit seinem weißen Gewand. Und der Undurchschaubare, nicht?- der kommt meistens aus dem Osten. Also der Rote, der Dunkle, der Gefürchtete, nicht? Das ist halt der Breshnew momentan, schon mit sehr viel Altersbruch. Dann irgendwie die lustige Figur. Alles das gibt’s. Das ist also der Helmut Schmidt, oder so? Das sind dann so Zechkumpanen, so junge Gesellen, die dann auftreten, dicke Vettern. Das ist ein Jedermannsspiel. Und die Bühne ist halt so abgeflacht rund, wie die Weltkugel. Im Grund, wenn man die Zeitung aufmacht, sieht man das Schauspiel. Darum sind Zeitungen ja wunderbar, da geht jeden Tag der Vorhang auf.


Film ab

vorheriger Abschnitt
nächster Abschnitt

[6]

  1. Alles Theater

0:01 Der Hauptgrund, warum ich nicht ins Theater gehe, weil die meisten Damen, die um einen herumsitzen, besprayte Haare haben, und wenn sich der mit dem Schweiß vermischt, ist das in einem Umkreis von vier bis fünf Quadratmetern nicht auszuhalten. Das hält man ja zwei Stunden nicht aus. Und Bayreuth, das sechs-sieben Stunden dauert, ist überhaupt nicht auszuhalten, ne? Weil sie bespritzen sich alle mit diesem Zeug und dann kommt der Dunst der Scheinwerfer und die Trockenheit in dem Theater dazu. Das ist ein unglaublicher Gestank, eigentlich nicht auszuhalten. Je aufgeplusterter die Frisuren sind, desto unerträglicher ist der Theaterbesuch.

0:58 Burgtheater Wien Nur in Wien gibt es keine Peitsche! Weil die Wiener Schauspieler die Peitsche nicht kennen, leider, darum sind sie so schlecht, nicht? Man braucht ja in Wien nur ins Theater zu gehen, da treten nur Pensionisten auf. Mit dreißig haben sie schon Pensionsanspruch. Und die jungen Schauspieler sind eigentlich scho´ wie alte Pensionisten. Nicht am Strand vom Mallorca, sondern am Ringstraßenstrand, agieren die dort auf der Burgtheaterbühne. Schon die ganz jungen Mädeln und Bubn. Sehr begabt, aber leider haben sie schon den Gang der Pensionisten und wissen genau, was sie gezahlt kriegen müssen, weil auch die Bühnengewerkschaft hinter ihnen steht. Und machen dadurch das schlechteste Theater der Welt.

1:39 -Ist das nicht ein bißchen übertrieben?

1:40 Auch ein Vorurteil. Sehen Sie, so ist das! Es ist alles übertrieben. Aber ohne Übertreibung kann man gar nichts sagen. Weil, wenn sie die Stimme nur erheben, ist es ja schon eine Übertreibung, denn wozu erheben sie sie denn? Wenn man irgend etwas sagt, ist es schon eine Übertreibung. Auch wenn man nur sagt, ich will nicht übertreiben, ist es schon eine Übertreibung.

2:40 Ich schlag´ ja immer, wenn ich obenGlenn Gould spreche, unten mit der Fußspitze den Takt. Haben Sie das nie bemerkt. Man kann natürlich kaum gleichzeitig den Fuß anschauen und den Mund. Das ist bei mir vollkommen darauf ab – kontrapunktig. Ich muß das, ich bin ja ein musikalischer Mensch. Ich schlag´ zu allem, was ich sage, meinen Takt mit den Füßen. Das kann man nur nicht, wenn man im Operationssaal liegt und angeschnallt ist, nicht? Nur ist man da auch nicht so geschwätzig. Haben Sie es gehört? Den Takt von unten? Also ich muß musikalisch sein. Das habe ich ja jetzt schon gesagt. Wenn ich praktisch kein Wort sprechen kann, ohne mit der Fußspitze den Takt anzugeben, muß ich musikalisch sein. Das ist mir nicht nur in Fleisch und Blut übergegangen, sondern in Hand und Fuß, ne? Ich mache es ja außerdem noch mit den Daumen. Aber das ist meine Eigenheit – sehen Sie, 'Ei' ist immer die Daumen auseinander, 'O' mach ich zu. Das lernen sie schon in der Sprachstunde. 'O'- das geht hinunter, 'Ei' und 'I' ist hinauf. Aber sie sehen nicht, was der Fuß dazu macht. Der hält das ganze zusammen. Dadurch ist alles, was ich sage... hat etwas Symphonisches an sich: immer. Finden Sie nicht?

4:14 Angeblich sterben alle Leute mit Musik im Kopf, hab´ ich einmal gehört. Wenn schon alles weg ist, Geist, Menschen, Erinnerungen, dann ist immer noch Musik. Und wenn der Mensch klinisch tot ist, ist auch erwiesen – Sie wissen was das bedeutet, klinisch tot? – ist immer noch Musik in ihm. Vor allem kommen die Maden dann und spielen dann die Sache weiter. Die kommen zuerst in den Augenwinkel. Wie vielstimmig das Orchester ist, daran sieht man dann, wie lange der schon tot ist, nicht? Weil die erste Made hüpft bereits im der ersten Sekunde des Todes in das Augenwinkerl da hinein. Aber es läßt sich nicht genau feststellen, ins Linke oder ins Rechte. Und das ist die Schwierigkeit für die Gerichtsmediziner, denn da streiten sich ja heut´ noch herum, ob die erste Made wirklich ins linke oder rechte Augenwinkerl springt. Und da gibt es Symposien, das ist jetzt sehr modern, das sind diese Augenwinkerlsymposien.

5:20 Ich bemüh´ mich die ganze Zeit, ernst zu sein. Seit ich da bin, seit 14 Tagen bemühe ich mich, wirklich ernst zu sein. Ich bin ja auch ernst. Ich bin ja totaler Ernst eigentlich. Die Totalität des Ernstes. Aber Sie schauen mich dann so an, und irgendwie ist mein Ernst... rutscht der in den Unernst. Ich leide ja d´runter, nicht? Denn ich bin ja nur glücklich, wenn ich ernst bin. Aber dieses Glück, eigentlich mein höchstes, nicht?- nehmen Sie mir, nicht? Nur mit Ihrem Palmablick, nicht? Ich liebe den Ernst. Nicht den Ernst Meister, aber den Ernst als Meister. Meister aus Österreich, nicht den Meister aus Deutschland. Das ist wieder der Tod. Das ist immer der Schatten des Todes, der begleitet mich natürlich immer, und den liebe ich dadurch, weil er mir den Ernst garantiert, nicht? Der Tod ist für mich wie so eine Schleppe. Die trag´ ich, wenn ich geh´, hinter mir her. Das heißt, ich trag sie nicht, sie hängt ja an mir, und ich zieh´ sie hinten nach. Leider ist das wieder nicht ernst. Sie nehmen mir meinen Ernst.

6:52 Ich denke überhaupt nicht an den Tod, aber der Tod denkt ständig an mich. Wann soll ich den heimholen? Das ist ja von einer ganz anderen Perspektive. Aber ich geh so ungern heim. Heimgehen heißt sterben, also Totsein – zu Hause sein, tot sein. aus Hugo v. Hoffmannsthal´s `Der Jedermann´ Sagt der Pascal schon. Wenn du zu Hause bist, dann bist du tot. Ewige Ruhe, ewiges zu Hause – ist der Tod. Darum fahr ich so ungern heim. Weil ich das Gefühl hab´, wenn ich heimkomm´, dann steht er schon da mit seiner schwarzen Hand, und ich geh zur Tür hinein und sehe immer, wenn ich bei mir in die Tür hinein gehe, diese Curd Jürgens – Hand. Das ist ein Schauspieler – sie kennen ihn. Der Tod in Salzburg – mit diesen Knochenfingern. Und ich geh´ hinein und dann "Kraaak!". Ich spür da ständig diesen Druck hier. Darum habe ich auch, wenn sie genau schauen, eine hier gesenkte Schulter durch diesen Todesdruck. Das kann mir niemand wegnehmen, auch nicht wegoperieren im Grund. Das ist meine Angst, die sitzt auf der rechten Schulter. Wie der Todesvogel, das hat sich da festgesetzt. Das ganze könnt man auch sehr ernst sagen, was ich ja wollte. Wenn man sagt, statt Todesvogel, einfach nur der Tod. Karge Begriffe, die man mit einem Wort hinstellen kann – zu einer Schale Kaffee, obwohl, das ist schon wieder nicht ernst, nicht?- weil, wenn man den Tod mit einer Schale Kaffee vergleicht, ist es ja wieder nicht ganz ernst, obwohl man natürlich alles mit allem vergleichen kann.


Film ab

vorheriger Abschnitt

  1. Wahrheit

0:00 Sie haben absolut recht, wenn sie eine Wahrheit als Lüge bezeichnen, und wenn sie die Lüge als Wahrheit bezeichnen, Wahrheit und Lüge spielen ja die Hauptrolle bei Gericht auf der Welt. Und da kommen sie mit ihrer Ansicht nicht durch. Ein Philosoph hat vor Gericht nichts zu melden. Weil der Richter ist ja ein auf den Philosophen eifersüchtiger kleiner Mann, unter einer schweren, möglichst billigen, aber schweren schwarzen Kutte. Und der haßt ja das alles, außer sich selbst, weil ihn alles niederdrückt. Da kommen sie nicht weit. Und wenn er Halsweh hat, dann kriegen sie halt ein Jahr mehr; hat er Kopfweh, kriegen sie 2 Jahre mehr; ist er krebskrank, dann kriegen sie lebenslänglich, weil er so eine wahnsinnige Wut hat. Und wenn er gut aufgelegt ist, dann kommen sie mit der Mindeststrafe durch. Da aber alle Richter immer schlecht aufgelegt sind, und ich nie einen gut aufgelegten Richter gesehen hab, ist fast immer die Höchststrafe drin. Weil sie alle an Krebsangst leiden, weil die Frauen reden ihnen auch immer noch ein, du wirst schon sehen, du kriegst Krebs. Das ist das Unheil der Welt.

1:16 Es gibt ja nur Vorurteile. Meine Urteile können nur Vorurteile sein. Es gibt im Grunde nur Vorurteile, weil selbst Richter, die unumstößliche Urteile fällen, sind im Grunde leider nur Vorurteile. Ein Urteil gibt es ja keines. Ich mein, man fällt ununterbrochen Urteile über Leute und Zustände als Urteile, aber es sind nur Vorurteile. Leider! Leider! Leider! Und so verurteilt man immer die ganze Welt, und es ist nur ein Vorurteil.

2:13 Sie können alles austauschen. Das ist ja der Reiz, oder die Größe der Natur. Das Drama ist ja... der Menschen überhaupt ist ja, daß Sie durch Erziehung und Verbildung und vor allem Literatur auf Begriffe nicht nur fixiert sind, sondern an den Begriffen festgenagelt sind. Alle haben angenagelte Begriffe am Hirn und so rasen sie ständig durch die Gegend. Das ist das eigentliche Weltdrama, nicht? Schriftsteller sind ja genauso. Überall Nägel und Begriffe. Tod, Leben, Liebe, Keuschheit, Unzucht alles das. Das ist das eigentliche Drama. Da halt einer den Daumen – und ich den Mund.


Ach ja! Das hab´ ich vergessen. Das Unsterbliche bleibt natürlich. Jetzt hab´ ich meine Unsterblichkeit vergessen. Das ist wahr. Das beruhigt mich ja immer wieder, weil ich weiß, ich bin ja unsterblich.
Ne?

Und wie!








Thomas Bernhards Beitrag zu den Feierlichkeiten anläßlich des 70. Geburtstages von Bundeskanzler Kreisky

"Sein größter poetischer Akt ist sein Testament.
Manfred Deix hat einmal einen Cartoon gezeichnet :
Peter Turrini und Gerhard Roth als Ministranten vor
einem Kreisky-Altar, den Thomas mit so einem
gewissen bösen Lächeln anpißt.
So stelle ich mir vor, lacht er jetzt."

H.C.Artmann